Inspiration

22 unübersetzbare japanische Wörter für dein Gefühl

Zweiundzwanzig unübersetzbare japanische Wörter, in fünf Bewegungen geordnet, um zu benennen, was du längst gespürt, aber nie ganz hast sagen können.

Es gibt Dinge, die du spürst, und über die deine Sprache schweigt.

Das Licht um fünf Uhr, das dir grundlos die Kehle zuschnürt. Die zarte Sehnsucht nach einer Zeit, in der nichts traurig war. Die Schönheit einer angeschlagenen Tasse, die du nicht wegwerfen wolltest. Das Deutsche kennt das, und es lässt es ohne Namen. Das Japanische hingegen hat daraus Wörter gemacht, hunderte, diese unübersetzbaren japanischen Wörter, von denen wir zweiundzwanzig versammelt haben.

Vier davon kennst du wahrscheinlich, weil sie überall sind: komorebi, wabi-sabi, mono no aware, yūgen. Wir werden ihnen wieder begegnen. Aber dahinter öffnen sich achtzehn leisere Arten zu sehen, Arten, die es nicht auf die Magazintitel schaffen. Was du in dir trugst, ohne es sagen zu können, hat jemand vor dir gesehen und ihm eine Form gegeben.

Licht

Vier Wörter für das, was das Auge auffängt, bevor der Gedanke kommt. Licht ist hier nie triumphal. Es filtert, es streift, es verweilt einen Augenblick auf einer Oberfläche, bevor es weiterzieht. Das Japanische betrachtet es, wie man einer Stimme zuhört.

1. Komorebi

木漏れ日komorebidas Licht, das durch die Blätter fällt

Du gehst unter Linden. Der Boden ist gesprenkelt mit wanderndem Gold, deine Hände auch, dein Nacken, der Rücken der Person, die vor dir geht. Das Wort hält genau diese Strecke. Du verlässt den Weg, das Licht wird wieder flach, und nun weißt du, dass es einen Namen gab für diese Minute.

2. Kawaakari

川明かりkawaakarider zurückgehaltene Schimmer eines Flusses bei Einbruch der Dämmerung

Die Sonne ist hinter dem Hügel verschwunden, der Himmel hat sich schon graublau gefärbt, ringsum ist alles fast erloschen. Aber der Fluss da unten behält noch einen dünnen blassen Streifen, als hätte er das Licht nicht gleich zurückgeben wollen. Eine Höflichkeit des Wassers gegenüber dem zu Ende gehenden Tag.

3. Yūgen

幽玄yūgendie geahnte Tiefe, nie ergriffen

heißt dunkel, gen heißt tief. Eine Silhouette im Nebel bei Tagesanbruch, ein Tempeldach, das kaum über den Bambus hinausragt, ein Wort, das jemand nicht zu Ende gesagt hat und das trotzdem angekommen ist. Das Nō-Theater hat es zu seiner Achse gemacht: man ahnt, man ergreift nicht, und das genügt.

4. Boketto

ボケっとbokettoins Leere schauen, ohne etwas zu suchen

Du starrst aus dem Zugfenster. Die Landschaft zieht vorbei, du siehst sie nicht wirklich. Du denkst an nichts Bestimmtes, du träumst nicht, du wartest auf nichts. Das Deutsche macht daraus einen höflichen Vorwurf ("du bist abwesend"), das Japanische hat daraus eine sanfte Tätigkeit gemacht, fast eine Form von Ruhe. Dort, manchmal, setzen sich die Dinge wieder an ihren Platz.

Jahreszeiten

Fünf Wörter für das, was die Zeit mitnimmt, und für den Teil von dir, der es weiß, bevor er es versteht. Das Japanische schummelt nicht mit dem Verlust. Es benennt ihn mit einer Zärtlichkeit, die das Deutsche nie ganz hatte.

5. Mono no aware

物の哀れmono no awaredie sanfte Wehmut der vergehenden Dinge

Du siehst die Blütenblätter fallen und könntest fast weinen, ohne echten Kummer. Du weißt, dass es bald vorbei sein wird, dass es jedes Jahr vorbei sein wird, und genau das bewegt dich. Kein Bedauern, keine Trauer, eine Zärtlichkeit für das Flüchtige, die jede Sache gegenwärtiger macht. Issa hat es geschrieben wie kein anderer, nach dem Tod seiner kleinen Tochter. Es ist derselbe Issa, der anderswo auf dem Dach der Hölle in dieser Welt wandelt und die Blumen betrachtet.

diese Welt aus Tau
ist eine Welt aus Tau,
und doch, und doch

露の世は 露の世ながら さりながら

Kobayashi Issa, nach dem Tod seiner Tochter

6. Hanafubuki

花吹雪hanafubukider Blütenschneesturm der Kirschbäume

Der Wind streicht im April über die Kirschbäume, und die Blütenblätter fallen schräg, in Böen, wie ein echter Schnee, den man trotzdem eine Sekunde lang in der Handfläche aufzufangen versucht. Weder die volle Blüte, noch der kahle Baum: der genaue Augenblick, in dem die Schönheit sich auflöst, derselbe, den so viele japanische Haiku einzufangen versucht haben. Du bleibst darunter stehen, den Kopf in den Nacken gelegt, und du verstehst still, warum das Wort existiert.

7. Natsukashii

懐かしいnatsukashiidie Wärme eines Details, das die Vergangenheit zurückbringt

Ein Geruch von Regen auf Asphalt, ein Lied, das in einem fremden Auto läuft, und plötzlich kommt die Kindheit zurück, ohne Schmerz. Natsukashii ist nicht die deutsche Sehnsucht, schwer vom Vermissen. Es ist die Sehnsucht, die lächelt, die dich daran erinnert, dass es eine Sache gegeben hat, ohne dass sie etwas im Tausch verlangt. Du lächelst, statt zu weinen.

8. Fuubutsushi

風物詩fuubutsushidas Detail, das die Jahreszeit für sich allein verkündet

Das Zirpen der Zikaden kündigt den August an. Der erste Geruch gerösteter Esskastanien kündigt den November an. Kein Kalender nötig, es genügt, dass es eintritt, und du weißt, wo du im Jahr stehst. Ein kleiner Code, fast ein Ritual, zwischen dir und der Welt.

9. Wabi-sabi

侘寂wabi-sabidie Schönheit dessen, was abgenutzt, schlicht, zu Ende geht

Wabi bezeichnet das Schlichte, das Zurückhaltende, was keinen Glanz braucht. Sabi bezeichnet die Patina, den Abdruck der Zeit auf den Dingen. Eine angeschlagene Tasse, eine abblätternde Wand, ein Gesicht, das nicht mehr vierzig ist und das Licht anders hält. Du hast schon einmal eine Sache geliebt für ihre Spuren mehr als für ihren Glanz. Genau das ist es.

Stille

Drei Wörter für das, was nicht da ist und trotzdem alles verändert. Das Japanische behandelt die Leere nicht als Abwesenheit. Es hält sie für eine Anwesenheit, einen Stoff, der trägt, der schwingt, der verlängert.

10. Ma

mader Zwischenraum, der das existieren lässt, was er trennt

Die Stille zwischen zwei Noten, die Leere zwischen zwei Möbelstücken, die Sekunde, bevor jemand auf eine schwere Frage antwortet. Im Schriftzeichen liegt das Bild eines Sonnenstrahls, der zwischen den Flügeln einer Tür hindurchfällt: die Leere lässt das Licht herein. Dort lebt auch eine ganze klassische japanische Poesie, zwischen den Sätzen, die man nicht zu Ende gesprochen hat. Ein Gespräch ohne ma ist Radio.

Wir Orientalen erschaffen Schönheit, indem wir Schatten an Stellen entstehen lassen, die für sich genommen bedeutungslos sind.

— Junichirō Tanizaki, Lob des Schattens

11. Mu

mueine Leere, die kein Mangel ist

Wenn ein Zen-Meister mu auf eine Frage antwortet, sagt er nicht "nein". Er sagt, dass die Frage nicht trägt, dass man durch Loslassen etwas anderes erreicht. Das leere Blatt vor dem Satz, die Stille vor dem Wort, die Luft vor der Geste. Keine Mulde, ein Grund. Wo das Deutsche eine zu behebende Abwesenheit sieht, sieht das Japanische eine Kategorie.

12. Shinrin-yoku

森林浴shinrin-yokuein Waldbad

Du gehst nicht hin, um zu wandern, nicht für den Sport. Du gehst hin, um da zu sein. Der Wald durchströmt dich wie das Wasser in einer Wanne: das Grün, die Feuchtigkeit, das nasse Holz, der ferne Vogelruf. Der Begriff wurde 1982 vom japanischen Landwirtschaftsministerium geprägt (ja, auf dieser Ebene), und trotzdem hat er nichts Verwaltungstechnisches. Er hat alles von der Fürsorge.

Verbindungen

Vier Wörter für das, was zwischen zwei Menschen geschieht, ohne die Stimme zu brauchen. Japanische Bindungen werden selten frontal benannt. Sie kommen über eine Vorahnung, ein einziges Mal, eine stille Aufmerksamkeit, eine Berührung im Vorbeigehen.

13. Koi no yokan

恋の予感koi no yokandie Vorahnung, dass eine Liebe kommt

Nicht die Liebe auf den ersten Blick, nicht die gesetzte Liebe. Diese ruhige Ahnung, ganz am Anfang, dass die Person vor dir dich am Ende lieben wird, und dass auch du sie am Ende lieben wirst. Es drängt nicht, es gerät nicht in Aufregung. Es ist einfach da, im Hintergrund, wie eine Basslinie, die den Rest des Liedes sagt, bevor die Melodie ihn schreibt.

14. Ichigo ichie

一期一会ichigo ichiediese Begegnung, und keine andere, nie

Vier Schriftzeichen, aus der Teezeremonie. Der Kaffee mit einer Freundin an einem Dienstagabend: dieselben Menschen, an einem anderen Dienstagabend, werden nie genau denselben Kaffee machen. Das Licht wird sich verändert haben, und sie auch. Das Wort zwingt dich, da zu sein. Nicht in der Erinnerung an vorhin, nicht im Plan für heute Abend. Der Kaffee mit deinem Vater gestern Morgen. Das war es.

15. Omotenashi

おもてなしomotenashidie Kunst, zu empfangen, ohne etwas zurückzuerwarten

Der Gastgeber, der den Platz für deine Schuhe vorbereitet hat, bevor du ankommst, der Tee schon auf der richtigen Temperatur, die Decke hingelegt, ohne dass jemand fragt, ob dir kalt ist. Die Aufmerksamkeit, die vorausschaut, ohne etwas zurückzuerwarten, die sich nicht dabei zeigt, großzügig zu sein. Du bemerkst die Geste erst danach, und genau diese Verzögerung macht ihren Wert aus.

16. Fureai

触れ合いfureaidie Berührung, die wirklich berührt

Zwei Hände, die sich kreuzen, während sie eine Tasse weiterreichen, und eine Sekunde länger ruhen als nötig. Ein Gespräch, in dem ihr nebeneinander geschaut habt, aber jeder den anderen sich neigen spürte. Eine Berührung, die sich nicht mit der Oberfläche begnügt, sie geht hinein, hinterlässt eine Spur, verändert beide. Anfassen ist physisch. Fureai ist physisch und noch etwas anderes.

Kleinigkeiten

Sechs Wörter für das, was die Philosophie nie anschaut. Ein Mund, der etwas verlangt, Bücher, die ungelesen bleiben, eine Tür, der man nicht geöffnet hat, ein Friseurbesuch, aus dem man schlechter rauskommt, ein Riss mit Gold gefüllt. Diese Kleinigkeiten halten trotzdem viel vom Leben aus. Vielleicht ist die Sprache hier am zärtlichsten.

17. Kuchisabishii

口寂しいkuchisabishiider Mund, der ein wenig einsam ist

Zweiundzwanzig Uhr, der Kühlschrank geht auf, ohne dass man Hunger hat, man nimmt drei Mandeln, man macht zu, man macht wieder auf. Es ist nicht der Magen, der verlangt, es ist der Mund, wie ein Gefährte, den man nicht genug beschäftigt. Dass diese Empfindung irgendwo einen eigenen Namen hat, sollte genügen, dich mit der Nacht zu versöhnen, durch die du gehst.

18. Tsundoku

積ん読tsundokudie Bücher, die man kauft und nicht aufschlägt

Der Stapel neben dem Bett, der nie kleiner wird. Das Regal, in dem Titel schneller dazukommen, als sie gelesen werden. Tsundoku urteilt nicht, es beschreibt. Man häuft aus Lust, aus dem Vertrauen, dass eines Tages der Tag kommen wird (und manchmal kommt er). Die Sprache hat das Kaufen von Büchern vom Lesen getrennt und hält beides für würdig. Ohne Scham.

19. Irusu

居留守irususo tun, als wäre man nicht zu Hause

Es klingelt. Du hältst im Flur den Atem an. Du weißt, wer es ist, du willst nicht öffnen, du wartest, bis die Schritte wieder hinuntergehen. Irusu benennt genau diese Geste, und das vage Schuldgefühl darin und das sehr Menschliche. Das Japanische hat es in drei Schriftzeichen untergebracht, ohne Moral, ohne dein Bedürfnis zu verurteilen, einen Abend lang allein zu sein.

20. Age-otori

上げ劣りage-otoriaus dem Friseursalon weniger gut herauskommen als hinein

Der Spiegel im Salon, das höfliche Lächeln, das aus Anstand zurückgegebene Kompliment, und der leicht steife Gang zur Tür, wo du es schon weißt. Ein kleines Wort, fast komisch, das die winzige Enttäuschung benennt, sich schöner gemacht zu haben, um schlechter wieder herauszukommen. Dass das Japanische ihm ein Fach gegeben hat, sagt etwas. Kein Missgeschick, nicht einmal dieses, ist zu klein, um sein Wort zu verdienen.

21. Mottainai

勿体無いmottainaidas Bedauern, etwas zu verschwenden, das noch hätte leben können

Du isst den Teller leer aus Achtung vor dem Reis. Du behältst das zerrissene Hemd, weil es dein liebstes war. Du knüllst ein Blatt zusammen, dessen Rückseite glatt war, und eine japanische Stimme sagt mottainai. Keine moralische Ökologie, eine Zärtlichkeit für den Stoff. Die Anerkennung, dass diese Sache noch Leben in sich trug, einen Gebrauch, eine Würde, und dass man sie ihr zu früh abgeschnitten hat.

22. Kintsugi

金継ぎkintsugieinen Riss reparieren, indem man ihn mit Gold hervorhebt

Ein Stück Keramik zerbricht. Du kannst es wegwerfen, du kannst es kleben und den Riss verstecken, oder du kannst den Bruch mit einem Lack füllen, dem Goldstaub beigemischt ist, der die Narbe in Licht zeichnet. Das Objekt wird schöner, weil es zerbrochen ist, und kostbarer, weil es gepflegt wurde. Gilt für Schalen. Gilt für Freundschaften, die nach dem Streit gehalten haben. Du weißt, an wen du denkst.


Eines dieser Wörter wird bleiben. Wahrscheinlich nicht das, das du erwartet hast. Du wirst ihm in drei Tagen wieder begegnen, vor einem Fenster, vor einer Tasse, vor einem Menschen, und du wirst denken: ach, das war es.

Das ist es, was Wörter manchmal tun. Sie erschaffen das Gefühl nicht. Sie geben uns das zurück, das wir schon trugen.

Einunddreißig Tage für das, was kein Wort hat

Unveil ist ein Countdown-Kalender, bei dem jeder Tag ein Stück von dir trägt: ein Foto, eine Stimme, eine Aufmerksamkeit. Für jemanden, den du liebst.

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Guillaume

Webentwickler und Gründer von Unveil. Ich habe das Geschenk gebaut, das ich selbst gerne verschenkt hätte: einen Kalender, der das Warten in tägliche Momente voller Freude verwandelt.

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