Inspiration
20 unübersetzbare Liebesworte aus anderen Sprachen
Zwanzig unübersetzbare Liebesworte, jedes in eine intime Szene gelegt. Was das Deutsche nicht zu sagen weiß, hat eine andere Sprache längst benannt.
Du siehst sie schlafen, und dein Satz kommt nicht. Etwas im Licht auf ihrer Wange, etwas in deinem Bauch, und das Deutsche reicht dir drei lauwarme Wörter, die nichts sagen.
Es ist kein Mangel an Vokabular. Es ist deine Sprache, die das Werkzeug nicht hat. Andere Sprachen haben ein präzises Wort auf das gelegt, was du dort spürst, leise. Zwanzig unübersetzbare Liebesworte, jedes in eine Szene gelegt, geben dir ein Gefühl zurück, das du getragen hast, ohne zu wissen, wie du es nennen sollst.
Fallen: die Worte des ersten Schwindels
1. Forelsket — norwegisch
Die reine Euphorie ganz am Anfang, noch bevor sich das Wort "Liebe" setzt. Es ist dieser Sonntagnachmittag, an dem du dich in der Bahn lächeln siehst, grundlos, außer dass sie existiert.
2. Koi no yokan — japanisch
Die Gewissheit beim ersten Blick, dass ihr euch lieben werdet. Nicht die Liebe auf den ersten Blick (zu laut): eine langsame, fast ruhige Ahnung, die es weiß, bevor du es weißt.
3. Kilig — Tagalog
Dieses Schaudern, das dich durchläuft, wenn du dir noch einmal vorspielst, was sie gestern Abend gesagt hat. Es ist das, was du um 23:47 Uhr unter der Decke auf dem Sofa spürst, wenn ihre Hand dein Knie streift und du den Atem anhältst.
4. Mamihlapinatapai — Yagán
Diese Stille im Auto am Straßenrand, wenn ihr beide wisst, dass einer zuerst sprechen muss, und keiner sich dazu durchringt. Das Radio seit drei Minuten aus, und niemand traut sich, die Tür zu öffnen.
5. Flechazo — spanisch
Wörtlich, der Pfeilschuss. Du hebst den Blick vom Glas, sie hebt den Blick vom Buch, und ein Dienstagabend geht ohne Vorwarnung durch dich hindurch.
Warten: wenn sie oder er nicht da ist
6. Iktsuarpok — Inuit
Diese sanfte Unruhe, die dich auf den Treppenabsatz treibt, ans Fenster, zum Telefon. Du wartest auf jemanden, und dein Körper weigert sich, sitzen zu bleiben.
7. Viraha — Sanskrit
In der indischen Dichtung der Schmerz, getrennt zu sein von dem, den du liebst. Es ist keine Klage, es ist eine Form der Liebe: Die Entfernung hält das Gefühl nicht an, sie schärft es.
8. Abschiedsschmerz — deutsch
Hier, mitten in der Liste, dein eigenes Wort. Andere Sprachen umschreiben es mit drei Worten oder geben auf. Das Deutsche hatte dieses präzise Wort längst gesetzt: nicht die Beklemmung davor, nicht das Vermissen danach, die Sekunde selbst, in der deine Hand ihre Schulter loslässt, am Bahnsteig.
9. Saudade — portugiesisch
Es ist Dienstag, 19 Uhr, unter dem gelben Küchenlicht, du kochst Nudeln für eine einzige Person und ertappst dich beim Lächeln, weil du ihr morgen früh genau das erzählen könntest. Pessoa schrieb sie als eine Sehnsucht nach der Gegenwart: Man hat Saudade nach jemandem, der eigentlich noch da ist.
Ein Warten, das ihr zusammen füllt
Für die dreißig Morgen, die euch trennen, Tag für Tag, Überraschung für Überraschung.
Den Countdown bauen10. Hiraeth — walisisch
Das Heimweh nach einem Ort, an den du vielleicht nie zurückgekehrt, an dem du vielleicht nie warst. Ein erträumtes Haus, eine zusammengesetzte Kindheit, ein früheres Leben, das du nicht gelebt hast und das dir trotzdem fehlt.
Abwesenheit: die Haut, die sich erinnert
11. Retrouvailles — französisch
Ja, Französisch: Keine andere Sprache hat ein so präzises Wort für den Moment, in dem ihr euch nach langer Abwesenheit wiederfindet (die anderen übersetzen es mit "Wiedersehen", das ist kühl). Borgst du es, behalte es.
12. Ya'aburnee — arabisch
Wörtlich, „du wirst mich begraben". Das leise Geständnis, ohne Drama eingeschoben, dass du lieber zuerst gehen würdest, als lernen zu müssen, ohne den anderen zu leben (der zärtlichste aller egoistischen Wünsche).
13. Dor — rumänisch
Dieses präzise Ziehen hinter dem Brustbein, Mittwoch 7:12 Uhr, wenn du seinen Pullover aus dem Regal im Bad nimmst und ihn anziehst, bevor du zur Arbeit gehst. Schwerer als Melancholie, weicher als Trauer.
14. Toska — russisch
Nabokov sagte, kein englisches Wort treffe es wirklich: „ein dumpfer Schmerz der Seele, eine Sehnsucht ohne Gegenstand, ein Mangel ohne Namen". Es ist das, was dich packt, wenn du um vier Uhr morgens aufwachst und nicht weißt, was dir fehlt.
15. Onsra — Boro
Zum letzten Mal lieben. Diese präzise Zärtlichkeit, die du für jemanden empfindest, obwohl du schon weißt, dass es enden wird, und die jede Geste, jede Tasse Kaffee, die du vor sie stellst, ein bisschen wahrer macht.
Dauer: jenseits des Gefühls
16. Jeong — koreanisch
Die Bindung, die sich durch wiederholte kleine Gesten webt (nicht Leidenschaft, nicht Freundschaft, etwas anderes). Das, was zwischen euch nach zehn Jahren bleibt, und was den Gedanken, ihn auch nur einen Monat nicht zu sehen, unerträglich machen würde.
17. Yuanfen — chinesisch
Die stille Kraft, die euch diesen Wagen, diesen Abend, diese Tür wählen ließ. Ein Faden, den ihr nicht seht, der euch aber längst verknüpft hatte, lange bevor das erste Wort fiel.
18. Bashert — jiddisch
Die Seelenverwandte, im religiösen und ruhigen Sinn des Wortes. Die Person, die für dich bestimmt war, bevor du geboren wurdest, und die du leise erkennen wirst, an dem Tag, an dem sie den Raum betritt.
19. Cwtch — walisisch
Die Zuflucht-Umarmung. Keine Hallo-Umarmung, keine Es-wird-schon-gut-Umarmung: die Umarmung, in der deine Stirn ihre Mulde in seinem Nacken findet, und in der du bleiben könntest, bis der Regen aufhört.
20. Douleur exquise — französisch
Wieder Französisch: jemanden zu lieben, der dich nie zurücklieben kann. Barthes hat daraus ein Fragment seines Liebesdiskurses gemacht, und wir hatten es fast vergessen.
— Ludwig WittgensteinDie Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt.
Das Notiz, zum Aufheben
| Wort | Sprache | Was es sagt, ohne deutsches Wort |
|---|---|---|
| Forelsket | norwegisch | Die Euphorie vor dem Wort „Liebe" |
| Koi no yokan | japanisch | Die Ahnung beim ersten Blick, dass es passieren wird |
| Kilig | Tagalog | Das Schaudern bei der Erinnerung an einen Satz |
| Mamihlapinatapai | Yagán | Die geteilte Stille, in der jeder auf den anderen wartet |
| Flechazo | spanisch | Der Pfeilschuss, der Dienstagabend, der dich durchdringt |
| Iktsuarpok | Inuit | Die Unruhe dessen, der jemanden erwartet |
| Viraha | Sanskrit | Die Trennung als Form der Liebe |
| Abschiedsschmerz | deutsch | Der präzise Schmerz im Moment des Abschieds |
| Saudade | portugiesisch | Die Sehnsucht nach etwas, das noch da ist |
| Hiraeth | walisisch | Das Heimweh nach einem Haus, das du nie bewohnt hast |
| Retrouvailles | französisch | Der genaue Moment des Wiederfindens |
| Ya'aburnee | arabisch | „Du wirst mich begraben", um nicht ohne dich zu leben |
| Dor | rumänisch | Die Sehnsucht, die sich dort einnistet, wo der Atem sein sollte |
| Toska | russisch | Der Mangel ohne Namen, ohne Grund, ohne Gegenstand |
| Onsra | Boro | Lieben im Wissen, dass es das letzte Mal ist |
| Jeong | koreanisch | Die Bindung, gewebt aus wiederholten Gesten |
| Yuanfen | chinesisch | Der Faden, der euch vor der Begegnung verknüpft hat |
| Bashert | jiddisch | Die Seelenverwandte, leise erkannt |
| Cwtch | walisisch | Die Zuflucht-Umarmung, Stirn im Nacken |
| Douleur exquise | französisch | Lieben ohne mögliche Erwiderung |
Diese zwanzig Wörter sind keine Stilübung. Sie sind zwanzig Beweise, dass etwas in dir lebt, anderswo längst benannt, und dass du es nicht allein getragen hast. Deine Sprache hat dir gefehlt, nicht du. Du bist ihr nur ein wenig voraus gewesen.